Teil 4: Blockade

Gestern sitzt ein Pärchen neben mir im Gasthaus und bereitet sich offenbar auf die Teilnahme bei der Ennstal Oldtimer Ralley vor. „Da bei diesem Bäumchen“, sagt sie und fuchtelt am Zettel vor ihr rum, „da sollten wir um 8:57 Uhr sein. Denn von dort sind es nur mehr 27 Sekunden bis ins Ziel. Da kann uns dann eigentlich auch niemand mehr im Weg stehen!“

Ich bewundere dass, wie man minutengenau wo sein kann. Ich bin schon froh, wenn ich halbwegs am richtigen Tag wo bin. Und dass einem kurz vorm Ziel niemand im Weg steht, do wär ich mir auch nimma so sicher, seit unserer lustigen Anreise Erfahrung….

Wir erinnern uns: Autoschlüssel weg, Tempomat Sabotage, Milchhäusl is auf einmal Mautstation….

Endlich sind die Kinder und ich im Zieleinlauf zur Almhütte. Es geht eine Serpentinenstrasse hoch. Zuerst rufen sie noch fröhlich „hui“ und „wui“ wenn ich eine Schikane anfahren und dann so tue als würden wir die Wiese hinunterfallen. Nach der dritten Kurve aber glaubt der Erste schon, dass er in Kürze speiben muss. Dabei fahr ich eh nur im Schrittempo, weil die Strassen sind so eng, da kann ich nimma überholt werden. Der Sieg ist sozusagen sicher! Denkste!!!

Als wir die letzte Zufahrtsstrasse zur Hütte erreichen, steht ein VW Golf Rabbit mitten auf der Strasse. Vorbeikommen wäre nur möglich gewesen, wenn man die kleine Kapelle rechts davon über den Haufen gefahren hätte. Da ist aber gerade eine ältere Dame drinnen gesessen und hat gebetet. Das hätte die vielleicht gestört, wenn wir die Kapelle mit ihr drin weggeschoben hätten.

Also sind wir stehen geblieben und haben uns mal vorsichtig dem besitzerlosen Golf genähert. Die betende Frau als Fahrzeughalterin war altersbedingt auszuschließen. Ich hab schon befürchtet, dass vielleicht einer im Rabbit drinnen liegt und wir gleich lebensrettende Maßnahmen einleiten müssen. War aber niemand da. Leeres Auto. Mitten auf der Strasse.

Also tut eine Steirerin was man dort schon von Kindheit an lernt, was man tut, wenn man wohinkommt, wo grad keiner ist: Man schreit laut „Haaaaallooooo“. Universell ins Gelände. Und siehe da vom Berg oberhalb der Kapelle kommt auch gleich ein „Jo wos is?“ zurück. Nur ohne Gesicht.

„Mama, ist das Woldwauga?“, fragt mein Kind. Von dem hat ihr der Urli immer erzählt und sie hofft immer noch auf Sichtungen.

Zuerst schiebt sich eine Krücke ins Sichtfeld, ganz weit oben auf der Wiese. Dann folgt ein Wanderstock. Dann der Besitzer. „Jo?“, fragt er nochmal. Obwohl augenscheinlicher könnte es ja nicht sein, wo das Problem liegt. Also Frage völlig unnedig meiner Meinung nach.

„Wir müssten vorbei fahren bitte“, sagt der Arbeitsehemann. Und mir schwant, dass das ka guade Idee war, zuerst die Wiener in die Verhandlungen zu schicken.

„Jo“, sagt der ältere Herr wieder zurück.

„Owa I muas do aufi!“, und fuchtelt mit der Krücke Richtung Waldrand.

Aus unserem Auto ruft eine Kinderstimme „i muas Lulu! Dringend!“. Und eine andere Kinderstimme „i muas speiben!“

„Wir kommen aber nicht vorbei, wenn sie da stehen“, ruft jetzt der Gatte dem Mann zu.

Dieser so offensichtlichen Feststellung folgt jetzt keine Reaktion mehr von Oben.

„Und wenn mia net wegfahren, kommen sie a net vorbei“, legt der Arbeitsehemann nach.

Mir wird klar, dass die Situation nur mehr innersteirisch zu lösen ist. Ich schicke Männer und Kinder zu Fuss weiter Richtung Hütte, bevor da jetzt was eskaliert und verbleibe mit beiden Autos bei der Kapelle. Eine echte Ralleyweltmeisterin kann auch mit zwei Autos gleichzeitig fahren. Weil es dort schattiger ist, setze ich mich zum Warten in die Kapelle, hinter die Frau, auf ein paar Gegrüsset-Seist-Du-Maria. Solang bis draussen eine Krücke an die Kapellentür duscht.

„Jo!“, ruft er. Steirisches Universalwort.

Ich beende meine kurze Andacht und eile hinaus. „Do woarns hiaz owa gonz am Berg oam!“, lobe ich ihn auf steirisch. 1. Kriegsgesetz: den Gegner freundlich stimmen und Nähe herstellen.

„Jo. I woar bei di Schof. Woa wüllst du hi?“

„Wir müssen zur Almhütte vom…“, ja vom, oh Mann wie heißt die Familie jetzt mit Nachnamen?? Vor lauter Panik fällt mir nur ein: „zur Hütte vom Alex aus dem Weinviertel!“.

10 Minuten später, als wir Details über Schafzucht geklärt haben und vor allem wie schön die Steiermark im Vergleich zu Wien ist, sind wir auseinander gegangen.

Ich hab die beiden Wiener Autos auf die Seite geschoben. Er ist mit dem Golf Rabbit vorbei und hat die Strasse wieder freigegeben…

Wenn auch Stunden später, wenigstens bin ich noch am gleichen Tag dorthin gekommen, wo ich sein wollte…. aber dafür hamma was erlebt 🙂

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