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Buchtipp: Der Preis der Macht

21 Okt

„Mama, lesen wir heute wieder die außergewöhnlichen Frauen?“ Diese Frage höre ich von meiner 7jährigen Tochter fast jeden Abend. Und dann lesen wir faszinierende Geschichten aus dem Buch „Good Night Stories for Rebel Girls.“ Untertitel: 100 außergewöhnliche Frauen. Eine davon ist Angela Merkel.

Genau neben dieser Angela Merkel sitzt im Jahr 1998 die damalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, als der Anruf kommt. In Lassing ist eine Grube eingestürzt, ein Bergmann ist gefangen, dann auch die Suchmannschaft verschüttet. Waltraud Klasnic lässt sofort alles liegen und stehen und fährt an den Unglücksort. Sie tritt dort vor die wartenden Angehörigen, die sie verzweifelt anschauen und Rettung erhoffen.

Ich sitze in der zweiten Reihe bei der Buchpräsentation, als Waltraud Klasnic über diesen Abend vor 20 Jahren spricht. Ich bin nah genug dran um zu sehen, dass sie dabei Tränen in den Augen hat. Mich drückt es auch schon. Lou Lorenz-Dittlbacher, die man aus der ZIB2 kennt, präsentiert ihr Buch „Der Preis der Macht“. In dem Buch dokumentiert sie Gespräche mit acht ehemaligen Spitzenpolitikerinnen. Waltraud Klasnic ist eine davon. Ich habe das Buch vorher schon gelesen und freue mich daher umso mehr auf die Präsentation und die Hintergrundgeschichten dazu.

Sehr persönliche Einblicke in das Leben von acht ehemaligen Politikerinnen

Im Vorwort schreibt Lou Lorenz-Dittlbacher, dass sie an einem Abend vor zwei Jahren ihrer Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hat. Und dass sie überzeugt war, dass sie ihr beim Aufwachen erzählen würde können, dass eine Frau im Jahr 2016 alles erreichen kann. Dass der Weg nach oben frei sei. Auch ins weiße Haus.

Dass dieser Weg für eine Frau vielleicht doch noch nicht frei ist, hat der nächste Morgen gezeigt.  In dem Buch „Der Preis der Macht“ geht es auch um Antworten auf die Frage: Ist Österreich bereit für eine Frau an der Spitze? Diese acht ehemaligen Politikerinnen erzählen aber auch sehr Persönliches, woher sie kommen, wie sie aufgewachsen sind, wie sie an die Macht kamen. Und wie es dann damit vorbei war.

Das Buch ist extrem spannend, interessant und vieles davon war für mich auch sehr überraschend und unerwartet. Vor allem aber bist du als Leser emotional sofort sehr eng dran an den Hauptdarstellerinnen.  Und dass man als Politikerin immer auch eine Hauptdarstellerin sein muss, wird einem beim Lesen auch schnell klar. Es geht um Außenauftritte, um Performance, um Kommunikation. Wie Heide Schmidt, die ebenfalls in dem Buch portraitiert ist, beschrieben hat: „Es geht um das Funktionieren der medialen Bilder und der gewollten medialen Bilder“.

Mich persönlich faszinieren ja auch immer die Exit Strategien. Was kommt danach? Brigitte Ederer zum Beispiel, wollte sich einen Jugendtraum erfüllen: „Gasthaus-Eigentümerin und Schmähführerin. Den neuesten Tratsch austauschen.“ So stell ich mir meinen Ruhestand dann auch bitte mal vor, Schmähführerin und Tratsch austauschen. Nur ohne Gasthaus-Eigentümer halt.

Oder Waltraud Klasnic, die  nach ihrer politischen Karriere großes Engagement für Themen an den Tag legt, die nicht so lustig sind. Die vielleicht sonst gar keiner machen möchte. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Bereich Hospiz und kümmert sich um Opfer von sexuellem Missbrauch. Warum sie sich gerade für so schwierige Themen einsetze, will Lou Lorenz-Dittlbacher bei der Buchpräsentation von Waltraud Klasnic wissen. „Vielleicht auch ein bisschen, um meiner leiblichen Mutter zu zeigen, dass mein Leben lebenswert ist. Dass es sich ausgezahlt hat, mich nicht abzutreiben, so wie sie ursprünglich vorhatte.“ In dem Moment ist es mucksmäuschenstill in der Buchhandlung. Ich habe noch nie bei einer Buchpräsentation geweint. Jetzt ist es soweit.

Prädikat: großartig zum Selberlesen und zum Verschenken

Genauso berührend wie die Geschichte von Waltraud Klasnic, die bei dieser Buchpräsentation persönlich anwesend ist, sind aber auch die Geschichten von Gabi Burgstaller, Brigitte Ederer, Benita Ferrero-Waldner, Ulrike Lunacek, Maria Rauch-Kallat, Susanne Riess und Heide Schmidt.

„Der Preis der Macht. Österreichische Politikerinnen blicken zurück“ ist nicht nur großartig zum Selberlesen, sondern auch ein wunderbares Geschenk. Ich habe an dem Abend gleich eines  für meinen Opa in der Steiermark gekauft. Der wird im April 90 Jahre alt und freut sich sicher über die persönliche Widmung von der ORF-Moderatorin und von der ehemaligen Landeshauptfrau.

Mein Exemplar schenke ich in ein paar Jahren meiner Tochter, wenn sie dann zu groß für die „Rebel Girls“ ist. Ein Zitat im Vorwort von Lou Lorenz-Dittlbacher habe ich ihr jetzt schon mit pinkem Leuchtstift markiert:

„Ich weiß, dass wir weiterhin die Gläserne Decke nicht haben zertrümmern können, aber irgendwann wird es jemand tun – hoffentlich früher, als wir jetzt denken mögen. Und an alle die kleinen Mädchen, die dies hier verfolgen: Zweifelt nie daran, dass ihr wertvoll seid und mächtig und jede Chance und Gelegenheit in der Welt verdient, eure Träume zu verfolgen und zu verwirklichen“ (Hillary Clinton, 2016)

preis-der-macht-cover

Wie ich zwei Karten für den Kulis bekommen habe…

13 Okt

Vor dem Heimflug aus Berlin, wo ich im September auf der Lesebühne gelesen habe, stupst mich der Gatte am Flughafen an: „schau der Kulis fliegt auch mit uns!“

Ich seh wie der berühmte Ö3 Callboy von Fans angeredet wird. Ich als alter Promi Stalker hätt‘ zwar auch gern ein Selfie, aber irgendwann (selten) ist auch mir mal was peinlich.

Später dann, als wir auf das Boarding warten stehe ich vorm Cafe an. Der Kulis direkt hinter mir. „Jetzt!“ denke ich. Jetzt wäre der vielleicht am wenigsten peinliche Moment. Aber was sagen?

„He, bist du der Kulis?“ oder
„He, ich kenn dich vom Radio!“ oder
„He, das mit dem derbademaisdaisdoof war saulustig!“

Die lange Hirn Anstrengung wird dem Mund zu fad. Er macht einen unkoordinierten Alleingang und prescht vor:
„He, hast du auch einen Auftritt in Berlin gehabt?“

😳

Es folgt ein nettes Gespräch unter Kollegen, zwischen Hochstaplerin Susi und dem Gernot Kulis. Am Ende schenkt er mir zwei Karten für seine Vorstellung heute im Globe.

Kollege Kulis, vielen Dank! Es war ein grossartiger und saulustiger Abend!
Geht’s alle hin und schaut’s euch das an!

Womans Day gestern

5 Okt

20.55. Ich bin am Heimweg von einem langen Tag und freue mich, dass die Bäckerei bei der U3 Landstrasse noch offen hat.

Ich stelle mich an, mit meiner zerissenen Strumpfhose und den dreckigen Bürounterlagen. Weil am Nachmittag bin ich am Weg zum Kundentermin sehr theatralisch gestürzt. Mitten auf der schnurgeraden Praterstrasse. Schwöre, ich hab nicht mit dem Handy gespielt. Trotzdem is natürlich auch das Display gebrochen. („Kua hi – Keiwl a“ = steirische Bauernregel)

Vor mir bestellt eine Kundin ein Olivenbrot. Das schaut gut aus. Das nehm ich dann auch.
„Leider aus“, sagt die Verkäuferin. Die auch um die Uhrzeit noch super freundlich ist.
Da dreht plötzlich die andere Kundin wieder um, kommt retour und hält mir ihr Olivenbrot hin.
„Nehmen’s ruhig die Hälfte, ich brauch eh nicht alles. Oder reissen’s a Stickl owa“.

Das is jetzt mein persönlicher Womans Day ❤

Eigene Buchkolumne

2 Okt

*** juhu, ich darf jetzt regelmässig Buchempfehlungen auf woman30plus.at schreiben *** hier die Erste:

In 10 Monaten werde ich 45. Natürlich fragt man sich da gelegentlich, ob das jetzt die Halbzeitpause ist? Ob man, wie beim Fußball, jetzt in die Kabine gerufen wird. Ob eine Traineransprache erfolgt? Und wer ist überhaupt der Trainer? Ob neue Strategien für die zweite Halbzeit ausgerufen werden? Ob man eine neue Position finden soll? Offensive statt Defensive? Oder ob man um einen Liga-Abstieg kämpften muss.

Und wenn man alles in der dritten Person schreibt. Dann kann man dabei auch so tun, als würde es einen gar nicht betreffen. Ein bisserl erinnert diese Phase an die Pubertät: nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsen. Wie das Niemandsland an der Grenze. Dort wo keiner Rasen mäht….

Hier geht’s weiter zum ganzen Text und zum ultimativen Buchtipp für alle die schon länger jung sind!!!!
Freue mich sehr wenn ihr reinlest !!!

https://www.women30plus.at/life/freizeit/buchtipp-es-ist-nur-eine-phase-hase/

Eine längere Leine…

30 Sep

Einmal im Jahr holt der Gatte die Elsa raus und richtet sie her. Dieses Jahr hat er sogar eine längere Leine gekauft.
Die Elsa ist ein Drache.
Und nein, die Elsa ist nicht die Schwiegermutter. Zumal ich die weltallerbeste Schwiegermutter habe, die man sich vorstellen kann!
Das Kind hat skeptisch dabei zugeschaut. Mit 8 Jahren ist Elsa nicht mehr cool, Papa!

Zum Glück hat der vorausschauende Papa auch einen kleinen Drachen besorgt. PJ masks. Pyjamahelden!

Jedes Jahr gibt es auf Schloß Hof, knapp eine Autostunde von Wien entfernt das große Drachensteigefest. Und da sind wir gestern anmarschiert. Der Gatte mit dem Elsa Drachen, das Kind mit den fliegenden Pyjamahelden und die Mutti mit der neuen Picknick Decke vom Ausverkauf im Baumarkt.

Die Windverhältnisse waren perfekt zum Steigen. Als erstes ist die neue Picknick Decke geflogen. Dann hat sich der Papa mit der ewig langen Schnur vom Elsa Drachen zuerst in zwei anderen Drachen und dann in den Bäumen verhängt. Ich hab von Anfang an gesagt, ein Elsa Drache, was für ein Bledsinn! Ich mein, die Eiskönigin singt den ganzen Tag nur „lass los, lass jetzt los!“. Und das beim Drachensteigen!!! Wie soll das gehen?

Nur die Pyjamahelden sind wagemutig über das Gelände gesegelt. Das jährliche Drachensteigenfest ist wirklich einen Ausflug wert. Ich beginne die Aufzählung der Highlights aus Sicht der Kinder: Zuckerwatte, Popcorn, Zuckerldrache. Der Zuckerldrache steigt hoch in die Luft auf und wirft dann die Süßigkeiten ab.

Aber es gibt auch Ponyreiten, Drachenbasteln und einen riesigen Spielplatz. Der Spielplatz ist mein persönlicher Höhepunkt. Der ist nämlich windgeschützt in der Sonne und bietet Liegestühle mit direkter gastronomischer Anbindung. Dort könnte man also gut eine Stunde lang ein kleines Nachmittags-Dunkerl machen. Könnte. Was man dann wegen der Aufsichtspflicht sicherheitshalber nur im Konjunktiv schreibt….

Andererseits sind wir vielleicht heutzutage eh schon zu überängstlich. Der Gatte erzählt immer, wie die Schwiegermutter damals im Urlaub in Gran Canaria untertags am Strand geschlafen hat. Bei Kindern heißt es immer, die müssen die vielen Eindrücke des Tages im Schlaf verarbeiten. Meine liebe Schwiegermutter hat damals die vielen Eindrücke der Nacht an der Hotelbar verarbeiten müssen. Und für den Gatten, der damals 5 oder 6 Jahre alt war, gab es nichts schöneres als auf dem warmen, weichen Bauch der schlafenden Mutter zu liegen und aufs Meer zu schauen. Er hat es auch überlebt.

Also insofern kann ich ruhig zugeben: ja ich habe eine Stunde am Spielplatz gepennt!

Außerdem waren eh der Gatte da und mit einer Eiskönigin und Pyjamahelden kann dir wirklich nix passieren. Wobei. Nix passieren nicht ganz richtig ist. Weil später bin ich gerade frisch ausgeschlafen dazu gekommen, wie ein plötzlicher Windstopp die Gatten-Elsa in der Luft hat erstarren lassen. Wie ein Pfitschipfeil ist sie direttissima vom Himmel gestürzt, mitten hinein ins Plantschbecken der Seifenblasen Performing Truppe.

Die Blicke der Muttis, die dem Elsa Anschlag dort knapp entkommen sind waren nicht sehr liebevoll und flirty. Passieren hätte aber eh nix können, weil in Wahrheit ist die Elsa eh nur wie ein fliegendes Plastiksackerl. Aber man weiß ja nicht, mit Plastiksackerl machst dir heute auch keine Freunde mehr.

Mir haben am besten die großen Spezialdrachen auf der Festwiese gefallen. Riesige bunte Figuren, Bären, chinesische Drachen, Meerjungfrauen. Unter all diesen exotischen, aufgeblasenen Gestalten bin ich ausgestreckt am Boden auf der Wiese gelegen und habe versucht die besten Fotos davon zu machen.

So hat halt jeder sein Hobby.

Ps: Wer mag, die Bilder gibt es auf meiner Instagram Story zu sehen: mein Name dort: susanne_superklumpert

Nicht kinderfrei – aber nachhaltig.

23 Sep

Ich freue mich sehr, dass ich heute am Badeschiff beim inklusiven Herbstfest lesen durfte. ❤

Gerne hier mein Beitrag – is heute etwas länger. Also nehmt euch vielleicht ein Glasl Wein dazu und a guade Musi (zb Solid Gold Grad auf ö3) und dann viel Spaß beim Lesen:

**** Achtung: Nicht kinderfrei ****

Was zum Thema Nachhaltigkeit wäre gut hat die Gerli mir gesagt.
Nachhaltigkeit. Ich.

Ich denke angestrengt nach. Wos woar mei Leistung in Punkto Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit.

Was genau ist das überhaupt? Ist das, wenn ich mir auf der Mariahilferstraße einen veganen, glutenfreien fairtrade Soja Latte kaufe?
Oder ein Haarknödel mache?
Waschnüsse?
Beine nicht rasieren?
Ist Nachhaltigkeit, wenn was besonders lange hält und nicht mehr weggeht?
So wie meine Tätowierungen.
Oder meine Gleitsichtbrille?
Oder die Teile von mir, die sogar dann noch intakt wären, wenn ein Auto drüber fahren würde, lt. Hersteller…

Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit. Komisches Wort eigentlich. Nachhaltigkeit.

„Mama, was redest du da? Nachhaltigkeit???“
Während ich beim Frühstück mein Ei löffle, hab ich offenbar so angestrengt darüber nachgedacht, dass ich das Wort Nachhaltigkeit mehrfach in das Ei hineingeredet habe.
„Sie haben mich eingeladen etwas vorzulesen Schatz, zum Thema Nachhaltigkeit“.
„Hä? Bist du jetzt unsere Lese-Omi in der Schule?.“
Lese Omi?
Nein, ich komm nicht in die Schule lesen, ich darf auf einem Badeschiff lesen und da geht es um Nachhaltigkeit.
Und was ist das Mama?
Ja gute Frage. Ich weiß es selber eigentlich nicht so genau und soll jetzt einer 7jährigen Nachhaltigkeit erklären.
Ich tipp ins Handy: „Nachhaltigkeit. Kinder?“.
Welt.de gibt praktische Tipps dazu. Man soll spielerisch das Thema einbauen und den Kindern immer wieder Fragen stellen wie zum Beispiel: „Magst du Eier von glücklichen Hühner oder Eier von eingesperrten ganz traurigen Hühnern?“
Wir schauen beide besorgt unser Frühstücksei an.

Abgesehen davon ist das eine Suggestiv Frage! „Magst du Eier von glücklichen Hühnern?“ Oder gibt es auch Kinder die dann aufgeregt auf ihrem Sessel hin und her wetzen, die Hände nach oben strecken und laut rufen „jaaaa, für mich bitte nur Eier von eingesperrten ganz traurigen Hühnern!!“.
Ich versuche es anders zu erklären. Das Thema positiv aufladen!

„Schau, der Urli Opa, der hat Hendln, die haben es voll schön in der Steiermark. Die können da herumlaufen am Bauernhof und spielen. Sie legen köstliche Eier, die wir dann essen können und die voll gesund sind!“

„Mama, die Hendln vom Urliopa gibt es schon lang nicht mehr. Die hat alle der Fuchs gefressen!“
Oh.
Das Thema Nachhaltigkeit endet hier dann wohl abrupt. Zumindest für die Hendl.

Ich überlege wie das in meiner eigenen Kindheit eigentlich war. Das Wort Nachhaltigkeit gab es damals sicher noch nicht. Aber da gab es einige andere Wörter auch noch nicht. Faszien zum Beispiel oder Gluten oder Fairtrade. Oder es gab sie vielleicht schon und man hat sie nur noch nicht gebraucht.
Mehr Nachhaltigkeit und Fair Trade als früher am Bauernhof gibt es ja schon fast gar nicht mehr. Als Kind hab ich Kartoffeln vergraben, damit dann später wieder neue Kartoffeln am Acker daraus wachsen. Ich hab Mais geschält und verkauft. Milch, Butter, Topfen wurde alles selbst gemacht. Gemüse gab aus dem eigenen Gemüsegarten. Und natürlich auch das Fleisch. 2x im Jahr wurde abgestochen.

Der Urliopa hat sich zuerst vom Putschi verabschiedet und dann hat er im Hof mit dem Messer und dem Schießgewehr auf das Putschi Schweindi gewartet. Das Schweindi hat sich ur gefreut, dass es so schön ist im Innenhof vom Saustall und soviel Futter den Weg in die Sonne weist. Und als es grad am schönsten und glücklichsten war. Da wurde aus der Sonne das ewige Licht.
Aber das kannst einer 7jährigen auch nicht sagen. Da kannst dir sonst gleich einen Ratgeber bestellen „Vegan kochen für Kinder“.

Wobei ich in dem Alter schon aktiv beteiligt war an der nachhaltigen Produktion. Wenn das Nutschi Putschi am Boden gelegen ist haben sie ihm irgendwie mit heißem Wasser und Messern die Haare abgeschabt. Dann haben sie es aufgehängt und den Bauch aufgeschlitzt. Da war dann mein kindlicher Einsatz gefragt: mit einem kleinen Email Schüsserl in zartem pastellrosa, bin ich unter der aufgehängten Sau gehockerlt und hab das auslaufende Blut aufgesammelt. Tropfen für Tropfen. Nix verschwenden.
Ich hab mich sehr wichtig und bedeutend für den gesamten Prozeß der Fleischproduktion gefühlt.

Mit dem Blut hat die Urlioma dann einen köstlichen Bluadnigl gebacken. Das ist ein Kuchen. Mit Blut. Apfelstücken und viel Staubzucker oben drauf. Das schönste vom ganzen Abstechen war, wenn am Abend alle um den Tisch gesessen sind. Die meisten hatten irgendwo noch was picken, Fleisch, Blut, Knochensplitter. Die große weiße Faschiermaschine stand daneben und am Tisch war eine große Pfanne mit frischer gerösteter Leber und Kartoffeln. Als Nachspeise dann der Bluadnigl. Herrlich !
Nix davon musste gekauft werden. Schon gar nicht von woanders importiert.

Im Winter haben wir Kinder dann die Plastiksäcke vom Kunstdünger mit Stroh befüllt und waren damit Sackl rutschn im Schnee.
Gut. Man darf das eh nicht so romantisch verklärt sehen. Alles ist auch nicht immer nachhaltig gewesen am Land. Die Kühlschränke im Wald zum Beispiel. Es gab da so einen abgelegenen Graben mitten im Gestrüpp, das war ein wahrer Fundus für Haushaltsklein- und Großgeräte. Ein Spieleparadies für uns Kinder.
Vater-Mutter-Kind spielen mit Kühlschrank, Fernseher und Auto. Wo hat man das schon!? Unsere Deko waren alte Autoreifen und FCKW Spraydosen. Rund um Ostern hat sich unser Bestand an aufregenden Spielsachen leider wieder etwas reduziert. Das war die Zeit der Osterfeuer.

Na gut. Abgeschweift. Nachhaltigkeit erklären. Das ist die Sache.
Auf einer anderen Website finde ich die Erklärung: Nachhaltigkeitspädagogik. Diese beschäftigt sich damit Kindern zu vermitteln schonend mit den Ressourcen umzugehen. Ich versuche eine Erklärung:„Schatz, Nachhaltigkeit bedeutet, gut auf die Sachen aufzupassen, damit man länger eine Freude damit hat. Oder Sachen reparieren, damit sie nachher wieder schön sind.“
„So wie du Mama, wenn du zur Kosmetik Carmen gehst? Da willst du ja nachher auch wieder schön sein und der Papa hat dann länger eine Freude mit dir!“
Najo, das is vielleicht eine andere Definition von Nachhaltigkeit.
Aber die Richtung stimmt schon mal.

„Oder meinst du das, was die Fanni Mama mit den alten Möbeln macht, die wir ihr vom Müll bringen?“, fragt sie neugierig weiter. Das Kind ist jetzt in Fahrt und Nachhaltigkeitstechnisch nicht mehr zu bremsen. „Ja genau, das is Nachhaltigkeit. Die Fanni Mama sucht nach alten Kindermöbeln. Wenn die wer verkauft und wir zufällig in der Gegend sind, bringen wir ihr welche mit. Dann muss keiner extra mit dem Auto wohin fahren. Aber vom Müll sind die nicht, die braucht nur keiner mehr. Dann macht sie die Möbel wieder ganz schön und verkauft sie. Eine andere Familie hat dadurch wieder eine große Freude damit.“.
Sie nickt wissend und begeistert.
„Ja und die Fanni darf dann Model für die Fotos sein. Das is cool!“

Das ist auch Nachhaltigkeit.
Denn die hat viele Facetten. Für jeden ist was dabei…

Speed Dating

15 Sep

Gegen 00:30 hab ich mich dann auf den Holzsessel vis a vis vom F. gesetzt.
„So jetzt sind also wir zwei dran“, hat er gemeint. „Wie beim Speed Dating, gell?“, hab ich geantwortet. Wobei ich das Speed Dating Konzept erst hab erklären müssen. Das gibt es offenbar nicht in der Oststeiermark.

Dabei ist so ein Klassentreffen in Wahrheit einem Speed Dating eh nicht unähnlich. Verdichtet, komprimiert tauscht man sein Leben aus. Zumindest die Eckdaten. Das Klassentreffenquartett: Wohnsitz, Familienstand, Berufstätigkeit, Kinder. Wohnsitz, Familienstand, Berufstätigkeit der Kinder. Sofern schon ausser Haus. (Bei einem 25jährigen Maturatreffen wie gestern, durchaus auch schon möglich)
Man konzentriert sich auf die positiven Aspekte und für einen Abend lang scheint es, als wären alle Biografien einer gesamten Schulklasse linear, geradlinig und erfreulich verlaufen. Das ist schön. Die Statistik spricht natürlich gegen uns.
Ich mag auch die Themen Krankheiten, Schönheitsoperationen und nationale Verschwörungstheorien. Aber es waren keine Mediziner dabei gestern, logisch, ich war ja auf einer Handelsakademie. Da waren die Schwerpunkte eher Buchhaltung, Rechnungswesen oder Mathe.

Wenn die ersten Klassentreffen-Quartett Runden gespielt sind, stellt sie sich schnell wieder ein, diese alte Vertrautheit. Jeder findet auf seinen alten Platz im System zurück und kleidet seine Rolle aus. Gemeinsame Erinnerungen werden wach. Matura. Maturaball.
Man hört seinen eigenen Namen am Nebentisch. („sie hat mir mein rotes Leiberl angespieben“)
Sie besprechen wohl grad die Maturareise.
(„Dann ist sie einfach umgefallen“)
Ich bin ein bissi stolz und fühle mich nachträglich wild und verwegen. Auch wenn ich das nie war.

Der F. und ich wir schauen uns schon ein bissi müde an von den vielen Vorgesprächen. Wir eröffnen mit dem klassischen Spielzug „und was machst du jetzt?“. Und dann kann es aber plötzlich Schlag auf Schlag gehen, wenn man eine gemeinsame Leidenschaft entdeckt.
Bücher! F. ist jetzt Deutschlehrer und oh wie schön ich mir das vorstelle. Diese Leidenschaft fürs Lesen Jugendlichen beibringen zu dürfen. Herrndorf, Ranisch, Weiler, Zeh. Probier das! Les das mit deinen Schülern! Geheimtipp: Pistotnig!
Nur dass Jugendliche heute halt lieber YouTuber werden wollen…

Am Nebentisch fällt nochmal mein Name: „sie hat mir immer meine Mappen und Hefte vorne angemalt“, sagt mein Sitznachbar, der mir damals bei allen geholfen hat, wo Zahlen dabei waren. Jüngster Steuerberater des Landes. Mein Beitrag war halt ein eher künstlerischer.

Es ist schon spät. F. und ich reden begeistert über Bücher, Geschichten und auch Geschichte. Ich versuche mir die Tipps zu merken. Es scheint auch, als würde ihn mein Interesse an diesen Themen überraschen. Das war wohl nicht meine Klassenrolle damals.

In 5 Jahren treffen wir uns wieder. Da sind wir dann alle 50. Das erscheint mir völlig surreal. Aber es wird so sein.

F. bedankt sich zum Abschied bei mir für unser Gespräch mit einem großartigen Zitat:
„Die Freude überrascht einen oft dort, wo man sie am wenigsten erwartet!“

Danke euch allen für die schönen Erinnerungen & Geschichten!