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Buchtipp: Der Preis der Macht

21 Okt

„Mama, lesen wir heute wieder die außergewöhnlichen Frauen?“ Diese Frage höre ich von meiner 7jährigen Tochter fast jeden Abend. Und dann lesen wir faszinierende Geschichten aus dem Buch „Good Night Stories for Rebel Girls.“ Untertitel: 100 außergewöhnliche Frauen. Eine davon ist Angela Merkel.

Genau neben dieser Angela Merkel sitzt im Jahr 1998 die damalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, als der Anruf kommt. In Lassing ist eine Grube eingestürzt, ein Bergmann ist gefangen, dann auch die Suchmannschaft verschüttet. Waltraud Klasnic lässt sofort alles liegen und stehen und fährt an den Unglücksort. Sie tritt dort vor die wartenden Angehörigen, die sie verzweifelt anschauen und Rettung erhoffen.

Ich sitze in der zweiten Reihe bei der Buchpräsentation, als Waltraud Klasnic über diesen Abend vor 20 Jahren spricht. Ich bin nah genug dran um zu sehen, dass sie dabei Tränen in den Augen hat. Mich drückt es auch schon. Lou Lorenz-Dittlbacher, die man aus der ZIB2 kennt, präsentiert ihr Buch „Der Preis der Macht“. In dem Buch dokumentiert sie Gespräche mit acht ehemaligen Spitzenpolitikerinnen. Waltraud Klasnic ist eine davon. Ich habe das Buch vorher schon gelesen und freue mich daher umso mehr auf die Präsentation und die Hintergrundgeschichten dazu.

Sehr persönliche Einblicke in das Leben von acht ehemaligen Politikerinnen

Im Vorwort schreibt Lou Lorenz-Dittlbacher, dass sie an einem Abend vor zwei Jahren ihrer Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hat. Und dass sie überzeugt war, dass sie ihr beim Aufwachen erzählen würde können, dass eine Frau im Jahr 2016 alles erreichen kann. Dass der Weg nach oben frei sei. Auch ins weiße Haus.

Dass dieser Weg für eine Frau vielleicht doch noch nicht frei ist, hat der nächste Morgen gezeigt.  In dem Buch „Der Preis der Macht“ geht es auch um Antworten auf die Frage: Ist Österreich bereit für eine Frau an der Spitze? Diese acht ehemaligen Politikerinnen erzählen aber auch sehr Persönliches, woher sie kommen, wie sie aufgewachsen sind, wie sie an die Macht kamen. Und wie es dann damit vorbei war.

Das Buch ist extrem spannend, interessant und vieles davon war für mich auch sehr überraschend und unerwartet. Vor allem aber bist du als Leser emotional sofort sehr eng dran an den Hauptdarstellerinnen.  Und dass man als Politikerin immer auch eine Hauptdarstellerin sein muss, wird einem beim Lesen auch schnell klar. Es geht um Außenauftritte, um Performance, um Kommunikation. Wie Heide Schmidt, die ebenfalls in dem Buch portraitiert ist, beschrieben hat: „Es geht um das Funktionieren der medialen Bilder und der gewollten medialen Bilder“.

Mich persönlich faszinieren ja auch immer die Exit Strategien. Was kommt danach? Brigitte Ederer zum Beispiel, wollte sich einen Jugendtraum erfüllen: „Gasthaus-Eigentümerin und Schmähführerin. Den neuesten Tratsch austauschen.“ So stell ich mir meinen Ruhestand dann auch bitte mal vor, Schmähführerin und Tratsch austauschen. Nur ohne Gasthaus-Eigentümer halt.

Oder Waltraud Klasnic, die  nach ihrer politischen Karriere großes Engagement für Themen an den Tag legt, die nicht so lustig sind. Die vielleicht sonst gar keiner machen möchte. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Bereich Hospiz und kümmert sich um Opfer von sexuellem Missbrauch. Warum sie sich gerade für so schwierige Themen einsetze, will Lou Lorenz-Dittlbacher bei der Buchpräsentation von Waltraud Klasnic wissen. „Vielleicht auch ein bisschen, um meiner leiblichen Mutter zu zeigen, dass mein Leben lebenswert ist. Dass es sich ausgezahlt hat, mich nicht abzutreiben, so wie sie ursprünglich vorhatte.“ In dem Moment ist es mucksmäuschenstill in der Buchhandlung. Ich habe noch nie bei einer Buchpräsentation geweint. Jetzt ist es soweit.

Prädikat: großartig zum Selberlesen und zum Verschenken

Genauso berührend wie die Geschichte von Waltraud Klasnic, die bei dieser Buchpräsentation persönlich anwesend ist, sind aber auch die Geschichten von Gabi Burgstaller, Brigitte Ederer, Benita Ferrero-Waldner, Ulrike Lunacek, Maria Rauch-Kallat, Susanne Riess und Heide Schmidt.

„Der Preis der Macht. Österreichische Politikerinnen blicken zurück“ ist nicht nur großartig zum Selberlesen, sondern auch ein wunderbares Geschenk. Ich habe an dem Abend gleich eines  für meinen Opa in der Steiermark gekauft. Der wird im April 90 Jahre alt und freut sich sicher über die persönliche Widmung von der ORF-Moderatorin und von der ehemaligen Landeshauptfrau.

Mein Exemplar schenke ich in ein paar Jahren meiner Tochter, wenn sie dann zu groß für die „Rebel Girls“ ist. Ein Zitat im Vorwort von Lou Lorenz-Dittlbacher habe ich ihr jetzt schon mit pinkem Leuchtstift markiert:

„Ich weiß, dass wir weiterhin die Gläserne Decke nicht haben zertrümmern können, aber irgendwann wird es jemand tun – hoffentlich früher, als wir jetzt denken mögen. Und an alle die kleinen Mädchen, die dies hier verfolgen: Zweifelt nie daran, dass ihr wertvoll seid und mächtig und jede Chance und Gelegenheit in der Welt verdient, eure Träume zu verfolgen und zu verwirklichen“ (Hillary Clinton, 2016)

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